"Ab in die Freiheit!" - DDR-Zeitzeuge am GymBal

Eine Geschichtsstunde aus dem Leben mit DDR-Flüchtling Holger Timmreck am Gymnasium Balingen

 

Aufmerksame Gesichter, interessierte Nachfragen – und das trotz Hitzewelle. 150 Schüler*innen der 9. Klassen und angehende Abiturient*innen zeigten sich am 23. Juni beeindruckt von einer Geschichtsstunde der besonderen Art. DDR-Zeitzeuge Holger Timmreck erzählte den Jugendlichen zwei Geschichten, die enger kaum verwoben sein könnten: deutsche Geschichte seit 1949 und seine eigene Lebensgeschichte.

Die Turnhalle als Veranstaltungsort hätte passender nicht gewählt sein können. Als Jugendlicher hat der 1959 in Pirna (ehem. DDR) geborene Zeitzeuge konkrete Studienpläne, doch er erhält von der DDR-Diktatur als 16-Jähriger keine Zulassung: „Da wurde ich aussortiert. Ich sollte was mit Landwirtschaft machen, aber ich wollte was mit Sport machen!“ Timmrecks Publikum in der Sporthalle, alle in ähnlichem Alter, fühlt sichtbar mit. Während des anschließenden 18-monatigen Wehrdienstes in der Nationalen Volksarmee (NVA) rebelliert der junge Holger Timmreck immer wieder. Die Pläne für eine Flucht über die „grüne Grenze“ werden konkreter. Der Versuch, über die Tschechoslowakei nach Österreich zu gelangen, scheitert 1980 gemeinsam mit Freund Siggi nur wenige hundert Meter vor dem Ziel. Rote Leuchtkugeln, aggressive Hunde und bewaffnete Grenzsoldaten. Timmreck wird in der DDR an die Stasi ausgeliefert und schließlich zu über zwei Jahren Haft wegen „versuchten illegalen Grenzübertritts im schweren Falle“ verurteilt. Die Balinger Gymnasiasten hören gebannt zu, die Unterrichtsthemen der letzten Wochen stehen in Person von Holger Timmreck mit Mikrofon in der Hand unter dem Basketballkorb in ihrer Sporthalle: „Ich wurde nackt verhört und war mit 18 anderen, teilweise Schwerverbrechern, in einer Zelle. Ob sogar Stasi-Spitzel mit in der Zelle waren, das konnte man nie wissen.“

Dass Holger Timmreck schließlich seinen Traum doch noch verwirklichen und an der Sporthochschule Köln studieren konnte, verdankt er der Bundesrepublik Deutschland: 3,4 Mrd. DM wurden zwischen 1963 und 1989 an die DDR bezahlt, um politische Gefangene in den Westen zu holen. Der Zeitzeuge ist einer davon. Mit den Worten „Timmreck, Sachen packen!“ wird er aus seiner Brandenburger Zelle geholt. Diesen 3. Februar 1982 feiere der 67-Jährige seitdem als seinen zweiten Geburtstag. Nach der politischen Wiedervereinigung 1990 folgt dann auch die familiäre: Drei der vier Geschwister im Hause Timmreck waren zwischenzeitlich in den Westen geflohen, 1991 kommt es zum ersten Wiedersehen mit der Mutter.

„Warum erzähle ich euch das alles?“, wendet sich Holger Timmreck gegen Ende seines Vortrags an sein junges Publikum. Nach seinem Sportstudium und der Arbeit bei bekannten TV-Sendern rund um Bundesliga- und WM-Übertragungen lebt er seit 2016 in Lima (Peru) und arbeitet an der dortigen Deutschen Schule. Seit 2019 geht er mit seiner Lebensgeschichte an Schulen: „Jeder junge Mensch hat die Chance, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen und seinen Traum zu verwirklichen.“ Um dafür nicht über Grenzen fliehen oder die Familie in einem anderen Land zurücklassen zu müssen, brauche es Demokratie. „Und die“, so Timmreck, „gibt es nicht im App Store, sondern durch Bildung!“ Entsprechend konnte der Zeitzeugen-Besuch, organisiert durch Lehrer Matthias Schulze, auch mithilfe des Demokratie-Förderbudgets des Kultusministeriums finanziert und ermöglicht werden.

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